Kunstgeschichten


An dieser Stelle präsentiere ich ab November 2016 in unregelmäßigen Abständen erlebte Geschichten
aus der Kunstwelt und subjektive Gedanken zum kulturellen Geschehen v.a. in Stuttgart und der Region.

Wer die Texte ergänzen und/oder kommentieren möchte, darf gerne eine E-Mail mit dem Betreff
„Kunstgeschichten“ an info@galerie-schacher.de schicken.

Marko Schacher



13_Schamanen oder Showmen?
Grenzerfahrungen zu "Kunst und Projekte Sindelfingen", Tino Seghal und Fluxus

Keine Weisheit: Oft weiß man erst, was man an jemandem gehabt hat, wenn man denjenigen nicht mehr hat. Diese Erfahrung machte ich auch im Herbst 2017, als erstmals keine vom Verein "Kunst und Projekte Sindelfingen" initiierte Ausstellung in der Städtischen Galerie Sindelfingen stattfand. Ein Hauch Beuys und Kippenberger durchwehte zwar auch die aus scheinbar ungeordnet und hierarchielos präsentierten Tapeten, Textilien und Objekten bestehende, von der neuen Galerieleiterin Magdalen Frey kuratierte Ausstellung "I had to think of you" von Ana Navas. Es fehlte aber der Geist von Ingrid Burgbacher-Krupka und das Geschick von Konrad Burgbacher. Beide betrieben einen stets enormen, an Selbstausbeutung grenzenden Aufwand, um "der in Sindelfingen noch nicht arrivierten Kunst eine Plattform zu bieten". So steht es auf der "Wir"-Seite der sympathisch wirr geratenen Homepage www.kunstundprojekte.de.
Beide lebten ihre Präsentationen, standen voll und ganz hinter allen Exponaten und trugen alle ihre Begegnungen und Erfahrungen stets im überfüllten Kopf mit sich herum. Eine Grenze zwischen privaten Reisen und beruflichen Recherchen gab und gibt es nicht. Gefragt und häufig auch ungefragt erzählte einem vor allem Ingrid Burgbacher-Krupka mit stolzen, oft etwas überkandidelten Worten von den Hintergründen der Exponate, der Künstler und der großen Bedeutung des eben zu Erlebenden.

"wenn die kunst die macht hätte ihre zeit zu verändern, was würden sie sich wünschen?" Mit dieser von Jochen Gerz als "Die Pluralskulptur" in den analogen vor allem aber virtuellen Raum gestellte Frage fing für mich 1997 vieles an. "Ich würde mir wünschen, die letzten vier Jahre noch einmal leben zu können – allerdings mit dem Wissen, das ich jetzt habe", antwortete ich am 15. Mai 1997 um 22.50 Uhr. Damals noch vom E-Mail-Account meines technisch weitaus versierteren Kumpels Jörn Vogt aus. Da das "ihre" wie alle anderen Worte auch klein geschrieben war, konnte man es als "Ihre" lesen und es auf die eigene Zeit beziehen (was ich offenbar getan habe), oder auch als "ihre" Lesen und auf die der Kunst immanente Zeit beziehen.

Seitdem ist viel passiert: Damals war ich als Journalist für die Feuilleton-Redaktion der "Stuttgarter Nachrichten" und für das Stuttgarter Stadtmagazin "Lift" unterwegs, inzwischen bin ich Galerist in Stuttgart. Und habe längst eine eigene E-Mail-Adresse. Vieles, das damals neu war, ist heute selbstverständlich. Die Burgbacher-Krupka-Projekte haben mir die Angst vor den "neuen" Medien genommen (Jochen Gerz, Nam June Paik, Peter Weibel). Sie haben mich erstmals mit der Thematik der digitalen Foto-Manipulation konfrontiert (Jörg Sasse, 1999). Sie haben mir die auratische Aufladung von Kunst im öffentlichen Raum gezeigt (Kyong Park, Detroit-Project, 2001). Sie haben mir bewiesen, dass Lichtkunst auch poetisch sein kann (Wang Fu, You are so beautiful, 2005). Sie haben vorgeführt, dass die Grenzlinien zwischen Kunstobjekt und Umraum und auch zwischen Kunst und Leben alles andere als genau zu bestimmen sind (unzählige Beispiele). Und sie haben vorgeführt, dass man sich mit Witzen zumindest ein Essen verdienen kann (Byung Chul Kim, Humor-Restaurant, 2016).

Die Sindelfinger Ausstellungen entfachten und vertieften mein Interesse für die künstlerischen Positionen von Nam June Paik, Christian Jankowski, Ben Vautier, Thomas Bayrle und vor allem Tino Seghal. Als ich im Juni 2003 in der von Molly Nesbit, Hans-Ulrich Obrist und Rirkrit Tiravanija kuratierten "Utopia Station" auf der 50. Kunstbiennale in Venedig eine weibliche Aufsicht "This is Propaganda", gefolgt von einem leiseren "You know, you know" singen hörte, war ich nicht zuletzt durch meine Erfahrungen in Sindelfingen darauf vorbereit, dass dies tatsächlich Kunst sein könnte! Den dahinter stehenden Künstler Tino Seghal kannte ich damals nicht wirklich. Heute ist er, nicht zuletzt aufgrund der absoluten Konsequenz seiner immateriellen, unfotografierbaren Beiträge, einer meiner absoluten Lieblingskünstler. Seghal zwingt den Besucher mit seinen performativen "Situationen", die Kunst im Hier und Jetzt zu erleben und war damit ein Wegbereiter von Anne Imhof, die 2017 völlig zu Recht in Venedig für ihren Beitrag im Deutschen Pavillon mit dem Golden Löwen ausgezeichnet wurde.

Ingrid Burgbacher-Krupka teilt meine Begeisterung. Oft, wenn wir uns sehen, vor allem bei den Begegnungen in Venedig tauschen wir unsere aktuellen Seghal-Erfahrungen aus. Toll, dass sie den heute weltberühmten Künstler, der seine ersten Bühnenerfahrungen in der Theater-AG am Sindelfinger Goldberg-Gymnasium machte, bereits im Herbst 2003 zurück nach Sindelfingen geholt hat. Damals ließ sie Andreas Böttinger, die gute Seele der Städtischen Galerie, den "Kunst und Projekte"-Beitrag aufführen: das Zeigen eines immateriellen Plakats. Zwei Jahre später, als Seghal den Deutschen Pavillon in Venedig bespielte, kletterte ich über den Zaun der Giardini, weil ich mit dem Künstler zwar einen Interview-Termin vor Ort, aber noch keine Presse-Einlasskarte hatte. Mit dem Wort "Burgbacher" konnte ich punkten. Das Gespräch war ganz wunderbar!
Zum Ende der Kunstbiennale lud Peter Bausch, Kulturredakteur der Sindelfinger/Böblinger Zeitung, Ingrid Burgbacher-Krupka und mich zum "Seghal-Kunst-Diskurs" an den runden Tisch des Sindelfinger Pressehauses. Das Resultat: ein ganzer Artikel über die spannenden Grenzbereiche von Kunst in der Zeitung, Ruhm und Ehre und drei Punkte auf dem Sympathie-Konto von Seghal. Seitdem sind Tino und ich uns bei verschiedenen Gelegenheiten in Venedig, Kassel und Berlin wieder begegnet, teils im halb-öffentlichen Rahmen. Meine Ex-Freundin hat mir vor ein paar Jahren ein Multiple von Tino Seghal geschenkt, das aus einem Wort bestand, das mir von einem Galerie-Mitarbeiter am Telefon genannt wurde. Leider hab ich es vergessen.
2014 zum 25-jährigen Bestehen des Vereins "Kunst und Projekte" kam Tino Seghal nach Sindefingen zurück und ließ Schüler des Goldberg-Gymnasiums seine interaktive (Venedig-)Performance "This Is Exchange" verrichten. Wer sich mit den Jungs und Mädels auf ein Gespräch über die Marktwirtschaft einließ, bekam an der Kasse 2 Euro ausbezahlt. Ich unterhielt mich lieber mit Tino Seghal.

Als seit 2011 selbständiger Galerist, der zwar museal denkt und zumeist zwei künstlerische Positionen im Hauptausstellungsraum seiner Galerie kombiniert und konfrontiert, habe ich solche Freiheiten und Möglichkeiten nicht. Am Ende des Tages, Monats beziehungsweise Jahres müssen sich die Ausstellungen "rechnen" und zumindest das Geld einspielen, das ich mit ihnen ausgegeben habe. Dennoch finden sich mit Justyna Koeke, Jim Avignon, Jenny Winter-Stojanovic und Jürgen Oschwald mindestens vier Künstler im Programm, die vor allem und auch Performance-Künstler sind.
2018 wird Jürgen Oschwald auf der Art Karlsruhe als eine Art Messe-Stand-Maestro fungieren, der durch tägliche und stündliche, kurzzeitige Ab- und Aufbauten meinen Galerie-Auftritt in permanenter Bewegung hält. Messe-Mobiliar und Ausstellungsstücke verschmelzen miteinander. Indem Oschwald aus im Hallen-Lager und in den Backstage-Bereichen gefundenen Objekten (Paletten, Stangen, Holzlatten, Folien, Werbebroschüren) nur wenige Minuten oder Stunden bestehende Skulpturen baut und auch wieder abbaut, wird die Koje in regelmäßiger Veränderung sein. So passt sich die Präsentation an den momentanen, unsicheren Zustand unserer Gesellschaft an. Ganz nebenbei konterkariert Jürgen Oschwald damit die offensichtliche Kommerzialität der Veranstaltung, indem er unverkäufliche Objekte präsentiert und so etwaige Kaufabsichten ad absurdum führt.

Letzterer Satz könnte auch von Ingrid Burgbacher-Krupka stammen. George Maciunas’ Fluxus-Gedanke fließt in meinem Hirn. In unseren Hirnen. Das Kunstwerk als Fetisch interessiert mich weniger, eher "die Kunst als Raumspray", wie das die Stuttgarter Kunsthistorikerin Valerie Hammerbacher einmal formuliert hat. Besucher meiner Galerie versuche ich zu motivieren, sich auf die Exponate einzulassen, ihren Kopf aus dem Stand by-Bereich zu befreien. Sie sollen sehen und spüren, was das Kunstwerk mit ihnen macht, ob und wenn ja, welche Emotionen aufkommen. Die Künstler kenne ich in der Regel seit vielen Jahren und kann so, wie auch Ingrid Burgbacher-Krupka, Auskunft über deren biografischen Besonderheiten geben. Jedes Kunstwerk ist ein Stück Biografie und ein Selbstportrait. "Weitaus mehr als das autonome Bild an der Wand interessieren mich durch Kunstwerke geschaffene Kommunikationsangebote und Erlebnisräume", habe ich schon vor 18 Jahren auf meiner eigenen Homepage geschrieben.

Die in meiner Galerie präsentierten Exponate von "jungen" Künstlerinnen und Künstlern aus der Region Stuttgart suchen den Dialog mit einander, dem Ausstellungsraum und den Besuchern. Und sie finden ihn zumeist auch. Bei den Ausstellungen, in denen der Dialog eher aus zwei Monologen besteht, wünsche ich mir die Räumlichkeiten, die der Verein "Kunst und Projekte" im ehemaligen Sindelfinger Rathaus auf zwei Etagen hatte. Und manchmal auch dessen Verbindungen, Kontakte und Erfahrungen.

Ingrid Burgbacher-Krupka und – stets in ihrem Schatten, aber dennoch präsent – Konrad Burgbacher waren ihrer Zeit stetig voraus! Ihre Präsentationen waren für Sindelfingen immer too much! Zuviel des Guten! Sie haben Bazon Brock, Thomas Ruff, Christine Hill, Jonathan Meese, Tobias Rehberger, Alicja Kwade und Ulrich Rückriem in die Peripherie geholt, teils mehrmals. Wer offen genug für Neues und Ungewohntes war, wurde mit Augen- und Hirnkitzlern belohnt. Wer nicht, nicht. Konventional war wenig, beunruhigend und anregend viel. Zu dem Zeitpunkt, als dieser Text entsteht, werden 20 interaktive Klangskulpturen von Walter Giers unter dem ranschmeißerisch formulierten Titel "Palais des Techno" im künftigen Stadtmuseum Stuttgart gezeigt. "Kunst und Projekte" tat das bereits 1992 in Sindelfingen. Ohne Techno.

In meine Gehirnwindungen eingebrannt hat sich Fluxus-Altmeister (mit Betonung auf der zweiten Silbe) Ben Patterson. 2005 hat er zur Eröffnung der Schau "Fama Fluxus – Mythos Beuys" sein "Paper Piece" von 1960 wieder aufgeführt und dabei grinsend zusammen mit Kunststudenten in einem Zeitungsseiten-Berg herumgewühlt. Selten hat ein Künstler die Grenze zwischen Schamane und Showman so spielerisch vermischt!

Marko Schacher, 10. Dezember 2017

Eine Version dieses Texts erscheint in der Publikation zum 30-jährigen Bestehen des Vereins
"Kunst und Projekte Sindelfingen", die im Laufe des Jahres 2018 veröffentlicht wird



12_Marko, Marc und Munch
– zu lesen auch als: Marko marc Munch
= Gastbeitrag von Olaf Deconinck


Vor-Vor-Wort

Ich habe was zu erzählen! Und gestehe gleich in der ersten Zeile: ich bin ein Schacher – Raum für Kunst-Fan! Das ist umso erstaunlicher, als dass ich nie – nicht mal in der frühesten Jugend – einen Hang zur Fan-Kultur hatte. Keine Fan-Artikel, nirgendwo. Heute verbinden meine Frau und ich auf perfekte Art beides: Fan und Kultur. Die Wände unseres Hauses zieren dabei keine Poster vergessener 80er-Jahre-Pop-Stars oder Fußballer mit Vokuhila-Frisur, sondern künstlerische Positionen aus dem Hause Schacher – Raum für Kunst. Bei uns gibt es Raum für Schacher's Kunst. Und in diesem Sinne ist der folgende Text dann auch völlig befreit von kritischer Distanz und Objektivität oder irgendeiner anderen journalistischen Gesetzmäßigkeit (die ich ohnehin nicht kenne). Er ist Fan-Post und wertschätzt auf ganz persönliche Art einen Galeristen und seine Arbeit.

Vor-Wort

Wer die Homepage von Marko kennt, hat sicher schon mal seine Kunstgeschichten gelesen. Auch hier
– Achtung: mangelnde kritische Distanz! – bin ich leidenschaftlicher Leser und eben Fan der Schacher'schen Wort- und Text-Gebilde. Und an dieser Stelle fordert der Galerist selbst zu subjektiven Gedanken zum kulturellen Geschehen auf. Seine Bitte, eben seine Kunstgeschichten zu ergänzen, ignoriere ich höflich aber bestimmt und liefere meinen eigenen Text zu einem von Marko selbst veranstaltetem kulturellen Geschehen:

Arthaus im Arthouse I: Munch, 31.10.2017

Nach dieser Veranstaltung fühle ich mich erstmalig auf- und ge-fordert, dieses kulturelle Highlight entsprechend zu kommentieren. Wer die Geister rief… selber Schuld, Marko!

Wort I

Am 27.10.2017, 18:24 Uhr erreicht mich wieder eine von Markos gern gelesenen und nie zu kurzen Emails. Darin kündigt der Galerist eine neue Veranstaltungsreihe an: "Arthaus im Arthouse". Es stand neben vielem Anderen geschrieben: "Innerhalb der privaten Veranstaltung ausschließlich für Freunde des Galerienhauses und der Filmgalerie zeigen wir den Film ,Munch' von Peter Watkins aus dem Jahr 1974 als Original mit englischen Untertiteln. Der 174minütige Film ist eine anregende Kombination aus Spielfilm, dokumentarischem Voiceover und Tagebuchzitaten, und schafft es damit, das Denken, Fühlen und wegweisende Schaffen des großen Künstlers Edvard Munch zu erfassen. 1976 erhielt der Film den British Academy Award für die beste fremdsprachige Produktion. ,Die Arbeit eines Genies', meint Ingmar Bergmann."

Es gibt ein paar Schlüsselwörter wie "private Veranstaltung" oder "für Freunde", die mir sofort gesagt haben "da gehe ich hin". "Privat" klingt per se immer gut und exklusiv sowieso und zur Gruppe "Freunde des Galerienhauses" würde ich mich mal dazu zählen – Marko wohl auch, denn sonst hätte ich die Mail nicht bekommen. Heißt: hingehen! Andere Textelemente allerdings lassen mich dann doch zögern, ob ich Markos Anspruch und seiner Einladung folgen kann. Und man lese sich bitte die beachtliche Spieldauer laut vor: 174 Minuten!!! Das ist ganz schön lang. S – RfK-Fan hin oder her.
Als Vorfilm wird noch als Appetitanreger "Kunscht ist für jeden was Anderes" – vom Galeristen selbst – angekündigt. Die Kurzfassung zwar, aber weitere 10 Minuten Film. In Summe stehen also 184 Minuten oder 3 Stunden und 4 Minuten anspruchsvolle Kultur im Angebot. Uff! Das ist ja fast wie bei den Bayreuther Festspielen. Wagner lässt grüßen.

Egal! Als Fan trage ich also den wagnermäßigen Schacher-Termin in den digitalen Familienkalender ein, damit auch meine Frau über diese kulturelle Herausforderung schriftlich informiert ist. Vielleicht geht sie ja mit?! Und den Familienkalender brauchen wir, weil wir als Patchworkfamilie auf Minutenbasis Arbeits-, Freizeit- und Familientermine planen müssen. Und alles Unerwartete ist da noch gar nicht mitgedacht. Wie kriegen wir da bloß 184 Minuten unter? Und dann noch An- und Abfahrt, zur Einlasszeit 30 Minuten vorher pünktlich da sein und bestimmt eine Pause einplanen. Da stehen schon mindestens 450 Minuten im Familienkalender.
Immer noch egal! Ich habe einen festen Vorsatz als Fan und der heißt a) da will ich hin und auch ohne Fan-Ansatz kommt b) ich will mal wieder raus und was erleben. Schnell zeigt der Familienkalender, dass meine Frau nicht mit gehen kann. Wir bekommen keine Abendbetreuung für unsere 5jährige Tochter. Und die 15jährige hat eigene Pläne – it's Halloween. Dann gehe ich alleine hin – ich habe ja a) und b) und das geht auch alleine. Oder frage ich einen Freund, ob er mitkommt? Meine Frau ermutigt mich, meine Freundschaften auf die Probe zu stellen – und der letzte Gedanke wird durchgespielt:

Freund Claus – kenne ich seit fast 30 Jahren. Aber sehr, sehr schnell wird klar, es wären wohl die letzten 184 Minuten unser Freundschaft. Anspruchsvoller Kulturfilm ist nicht unsere gemeinsame Basis der langjährigen Freundschaft. Er war schon vor 30 Jahren mehr der Kneipen-Typ. Und manche Dinge ändern sich nicht so schnell. Prost.
Freund Thorsten – kenne ich nicht sooo lange, ist aber sicherlich offen für Neues. Ein kritischer Geist, Veganer noch dazu. Da geht auch Kulturfilm. Aber wir haben kürzlich erst den neuen "Blade Runner 2049" gesehen. Viel SciFi-Atmosphäre und auch ein Film mit Überlänge. Ob Thorsten für "Munch" der passende Begleiter ist? Bin doch nicht so sicher. Und sein Familienkalender nimmt es problemlos mit unserem auf und er braucht meistens mehr Vorlauf. Sein Namenskärtchen wird mal auf den Vielleicht-Stapel gelegt.
Freund Emad – würde überall mit mir hingehen. Für Syrer hat Freundschaft einen sehr hohen
Stellenwert und wenn ein Freund Begleitung braucht – egal wohin – wird er nicht alleine gelassen. Hier wäre aber nicht nur der anspruchsvolle Kulturfilm eine Herausforderung. Hier reichen weder die aktuellen englischen Sprachkenntnisse (Untertitel) noch die Kenntnisse der norwegischen Sprache aus, den Film verfolgen zu können. Nicht mal in der deutschen Synchronisation wäre es sprachlich für ihn problemlos zu bewältigen. Also leider auch keine Idealbesetzung für meine Begleitung.
Freund Frank – hier gibt es mehrere Ansätze. Wir kennen uns noch nicht so lange und so ein Event könnte unsere Freundschaft festigen. Oder aber zu einem schnellen Ende führen. Aber ich bin Optimist und zähle dennoch einen Plus-Punkt für Frank. Er wohnt nur drei Häuser weiter in direkter Nachbarschaft und wir könnten eine Fahrgemeinschaft bilden. Punkt für Frank. Ich bin sicher, auch er füllt einen Familienkalender, obwohl kein Patchwork ihn dazu nötigt, ist aber auch flexibel genug für Spontanes. Sollte er also planerisch hinbekommen. Dritter Punkt. Und: er hat einen Doktor-Titel. Soll heißen, er ist diesem anspruchsvollen Kulturevent intellektuell sicherlich vom Grundsatz her gewachsen oder fühlt sich vielleicht sogar von mir herausgefordert. Noch ein Punkt. Ich frage Frank! Per WhatsApp schicke ich ihm einen YouTube-Link mit Film-Trailer (sicher ist sicher), allen Fakten (damit er hinterher nicht sagen kann, er war ahnungslos) und einen netten Text mit der Frage, ob er Lust auf Kultur hat. Ich lobe zusätzlich noch die Galerie und den Galeristen. Mehr kann ich nicht tun.
WhatsApp zeigt mir, die Nachricht ist zugestellt und ich schraube meine Erwartung auf den Null-Punkt, sehe mich alleine dieser kulturellen Herausforderung gegenüber und rechne mit einer Absage von Frank - werde aber kurz danach durch seine WhatsApp-Antwort mit den Worten volle Zusage überrascht.
Ich freue mich sehr! Als Fan und als Freund und auf einen spannenden Abend.

Wort II

Am 31.10.2017 um Punkt 18 Uhr machen wir uns dann als Fahrgemeinschaft auf den Weg zu Schacher – Raum für Kunst und Edvard Munch. Pünktlich zur Einlasszeit um 18:30 Uhr fahren wir auf den Innenhof der Galerie. Der Familienkalender ist stolz auf uns für soviel gute Planung. Treppe rauf und am Eingang zum Kulturtempel begrüßt uns Marko zusammen mit Marc Hug, der diese Veranstaltung mit initiiert hat. Geld in die Kasse (von kostenlos war ja nie die Rede und bei Geld hört die Freundschaft bekanntlich auf – auch für Freunde der Galerie) und ganz passend einen Stempel auf den Arm, damit wir zu Hause bei unseren Frauen auch einen Beweis haben, dass wir nicht in der nächsten Eckkneipe gelandet sind. Man weiß ja nie. Mäntel an die Kleiderstange gehängt. Los geht's.
Meinem doktorbetitelten Freund zeige ich als erstes die Galerieräume und die Kunst. Der Weg vorbei an der Bar bringt uns ein Bier in die Hand. Männerabend für Ü-hm-zig. Das Kino ist improvisiert mit einer Leinwand und von mir nicht gezählten ca. 30 Stühlen. Typisch Schacher: perfekt unperfekt. Bin schon begeistert und habe noch keine der 184 Filmminuten gesehen. Auf Marko ist Verlass – was sollte jetzt noch schief gehen?

Mit der Verlässlichkeit nahm es schnell ein zweifelhaftes Ende. Zwei Plätze in der ersten Reihe. Harte Stühle. Marko, wie soll ich darauf 184 Minuten überstehen? Ist das ein Schacher-Test? Eine Bestrafung für Freunde der Galerie? Will Marko seine Freundschaften kündigen? – das wäre per Mail auch möglich gewesen. Gerne auch eine lange. Hilfe – ich will auf mein weiches Sofa. Welcher Freund hat mich nicht davon abgehalten, dieser Einladung zu folgen? Hat Marko eine Facebook-Seite, auf der ich ein Dis-Like anklicken kann? Weitere Erschwernis: Ich bin der Fahrer unser Frank&Olaf Fahrgemeinschaft und Bier als Sitz-Helfer in der Not fällt für den weiteren Verlauf des Abends somit raus. Da muss ich jetzt durch. Und meine Frau hat noch gesagt, wahrscheinlich liege man bei Marko auf dem Boden mit Matratzen oder so. Welch ein Irrtum, Schatz.

Zu Beginn der Filmvorführung begrüßt Marko gewohnt lässig und entspannt seine Kinogänger. Filmvorführer Marc tut es im gleich. O.k. – ein Like auf der Facebookseite, von der ich immer noch nicht weiß, ob es sie überhaupt gibt. Der Vorfilm – eine 10minütige Kompression eines ursprünglich 60 Minuten langen Films von Marko – ist sehr kurzweilig. Ich würde gerne die Langversion mal sehen. Ich habe noch Bier in meiner Flasche und 10 Minuten sind auch auf dem harten Stuhl schnell rum.

Kurze Künstlerpause (nie war das Wort passender). Die ca. 20 Zuschauer (Marko hat gezählt) sind eine bunt gemischte Truppe. Den einen oder anderen Sitznachbarn habe ich schon bei anderen Schacher-Gelegenheiten gesehen. Vertraute und unbekannte Gesichter. Als kleine eingeschworene Gemeinde starten wir zusammen unsere filmische Reise ins Norwegen des 19. Jahrhunderts. Für alle LeserInnen, die es zwischenzeitlich vergessen haben sollten, hier nochmal zur Erinnerung: "Der 174minütige Film ist eine anregende Kombination aus Spielfilm, dokumentarischem Voiceover und Tagebuchzitaten und schafft es damit, das Denken, Fühlen und wegweisende Schaffen des großen Künstlers Edvard Munch zu erfassen“. Das Ganze in Norwegisch mit englischen Untertiteln. Klingt nach richtig hartem Brot. Mit fällt jetzt erst auf, dass das Sehen, Hören, Lesen und Verstehen meine ganze Aufmerksamkeit fordern werden und noch mehr. Und vergessen wir das Sitzen nicht. Ich sitze in der ersten Reihe und alle Sinnesorgane sind in Arbeit. 5 Minuten vorbei. Und in diesen ersten Minuten frage ich mich, ob Frank noch willens ist, mit mir die Rückfahrt anzutreten oder schon vorher den öffentlichen Nahverkehr bevorzugt. Ich nehme es vorweg: er ist sitzen geblieben.

Und zwischen der 6. und 10. Minute passierte es. Meine auf allen Ebenen angesprochenen Sinne verweben sich zu einem Strang, der mich in diesen Film zieht. Die Schauspieler schauen mich aus dem Film direkt und auffordernd an. Fast als sei ich Teil der Handlung. Kurz sagt mein nicht filmisch geschulter Verstand, das ist vom Regisseur bestimmt so gewollt … hat funktioniert und dann sitze ich einfach nur still auf meinem Stuhl, vergesse mein Bier und finde mich im Norwegen des 19. Jahrhunderts wieder. Im Leben von Edvard Munch.
Auf der Leinwand zeigt sich das harte Leben vor über 130 oder 140 Jahren. Deutlich härter als mein Stuhl. Das Lieben und frühe Sterben. Zeigt sich ein Künstlerleben und zeigen sich die bekannten und mir auch unbekannte Bilder von Munch. Ich bin völlig fasziniert und will nur noch Sehen, Hören, Lesen und Verstehen. 174 Minuten sind viel zu kurz.

Zusätzlich passiert etwas, was sicherlich völlig ungeplant ist, aber passender nicht hätte sein können. Ich fühle selbst den kalten nordischen Winter und die kalten von Öfen schlecht beheizten Räume in denen Munch sich bewegt. Die Galerie scheint nahezu unbeheizt an diesem Herbstabend. Und mit jeder der 184 Filmminuten kriecht die Kälte in meine Füße und immer weiter rein. Ich sitze mit verschränkten Armen, um die Kälte nicht weiter kriechen zu lassen. Frank bewegt sich gar nicht. Wie macht er das auf diesen Stühlen? Vielleicht hat er einen Doktor-Titel im Stillsitzen. Das leichte Frieren verstärkt aber auf eigentümliche Weise das Erleben auf der Leinwand und ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass es bitte, bitte keine Pause geben darf. Ich will einfach nur weiterschauen und ein bisschen frieren.
Marko und Marc erhören meine Bitte nicht und die Pause kommt unweigerlich. Bitte nicht! Ein zweites Bier wird es für mich nicht geben und so hole ich mir dann doch aus Gründen der Vernunft meinen Mantel für den zweiten Teil des Films von der Kleiderstange. Munch hat dann&wann auch einen an – also kann ich meinen auch tragen. Zudem verzeiht unser Familienkalender keine Erkältungen oder krankheitsbedingten Ausfälle. Meine Frau würde mich womöglich nicht mehr zu Marko gehen lassen, wenn ich eine Erkältung statt Kunst mit nach Hause bringe. Diesen Gedanken muss ich gleich verdrängen und vorbeugen. Hoffentlich ist es nicht schon zu spät, denn ich friere mindestens schon seit 60 Minuten.

Nach der Künstlerpause und bemantelt steigen meine Sinne Gott sei dank alle in die zweite Filmhälfte mit ein, bilden einen Strang und ziehen mich wieder und weiter in den Film. Im zweiten Teil wird plötzlich auch deutsch gesprochen, da Munch viel in Berlin war. Dieses unerwartete sprachliche Verstehen hat mich kurz verwirrt – hören oder englische Untertitel lesen? Ich kann mich kurzfristig nicht entscheiden. Und kaum getan, wird wieder norwegisch gesprochen. Also bleibe ich bei einer Sache. Untertitel lesen.

Ich kürze jetzt ab und wer noch mehr über den Film und Munch wissen möchte, muss ihn selber sehen, hören, lesen und verstehen. Denn das Unvermeidliche passierte auch hier – der Film hat ein Ende. Leider!
Und nach all dem, was einem die vorangegangenen 184 Minuten abverlangt haben, wollen Marko und Marc (Zitat) „die Gesprächskultur wieder aufleben lassen (wer spricht heute noch nach dem Kinobesuch mit anderen über das Gesehene?)“ und mit allen Anwesenden ins Gespräch gehen. Lieber Marko und Marc, ich wäre gerne geblieben, aber es war kalt und spät und der Familienkalender zeigte für den nächsten Tag schon wieder Einträge. Frank hat mit mir durchgehalten, war dann aber müde. Und als Fahrer habe ich nicht nur kein Bier sondern auch Verantwortung für alle Mitfahrenden. Was bleibt – ein begeistert zu Hause erzähltes kulturelles Geschehen und 174 plus 10 Minuten Film-Highlight. 184 Minuten Arthaus im Arthouse. 184 Minuten Schacher – Raum für Kunst. Jede Minute hat sich für mich mehr als gelohnt. 184 x Danke, Marko. Der nächste Filmabend, die nächste Ausstellungseröffnung steht schon fest in unserem Familienkalender. Ich bin auf die nächsten Filme im Arthouse gespannt und schaue, welcher meiner Freunde dann der passende Begleiter ist. Es gäbe ja auch noch andere Optionen, wie zum Beispiel: Claus kann an der Bar warten. Wir sehen uns!

Olaf

Olaf Deconinck, 17.11.2017

Die private Vorführung von "Munch" fand am 31.10.2017 statt; nächster Film ist "Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben" von Apichatpong Weerasethakul (dann mit zwei Heizlüftern)

Der Galerist und Stammschreiber an dieser Stelle fühlt sich sehr geehrt und äußerst motivert!
Und...ja, die Facebook-Seite gibt es!



11_meine erste Auktion - kommt!



10_
Partieller Partizipationspessimismus
Sindelfingens „Off“-Kunst macht ratlos

Nomen est omen: „Off“ heißt die von Alexander Janz „eigens für die Galerie Stadt Sindelfingen entwickelte partizipative Installation“. Als ich am Sonntag, den 29.10.17, gegen 13.30 Uhr gut gelaunt und motiviert den „Schaufenster Junge Kunst“ betitelten Raum am Sindelfinger Marktplatz betrete, ist die aus einer Wand, einem Beamer, einer Fernbedienung, zwei Sitzsäcken und (nicht direkt sichtbar) mit einem ferngesteuerten, mit einer Kamera versehenen Modellauto im Galerie-Depot bestehende Installation tatsächlich „off“, das heißt: ausgeschaltet.
Ob sie mir die Installation anschalten könne, frage ich die Dame an der Rezeption, die zugleich auch die ans Haus angeschlossene i-Punkt-Tourist-Information betreut und mir bis dahin vor ihrem Computer sitzend ihren Rücken gezeigt hat. Sie kommt achselzuckend zu mir, sagt „keine Ahnung, wie das geht“, dass die Projektion an dem Tag noch nicht an war, ich aber gerne versuchen könne, den Beamer an zuschalten, beziehungsweise, nein, ich solle warten, sie hole mal eben Hilfe. Okay.

Die aus dem ersten Stock herbeigerufene junge Dame kann leider nicht helfen, weiß aber, dass die partizipative Installation am Wochenende nie partizipativ ist, beziehungsweise nur, wenn Madeleine Frey, die Leiterin der Städtischen Galerie Sindelfingen, und/oder ein entsprechend autorisierter Mitarbeiter selbst vor Ort sind, um das sensibel geschützte Depot aufzuschließen und das Modellauto mit der Kamera anzuschalten. Sie selbst habe keinen Schlüssel fürs Depot. Aha. Schade.
Mir bleibt die im Prospekt angepriesene „Entdeckungsreise durch die Kellerräume“ und das „Wechselspiel zwischen dem Sicht- und Unsichtbaren, den zugänglichen und den verschlossenen Räumen“ leider verwehrt. Über einen entsprechenden Hinweis im Ausstellungsflyer, auf der Galerie-Homepage oder wenigstens vor Ort vor/in der Installation hätte ich mich gefreut. Mehr natürlich noch über eine angeschaltete, funktionierende Installation. Ich frage mich zudem, ob eine nur während weniger Stunden interaktive Installation in dem von außen einsehbaren und von außen per Treppe nonstop zur Einsicht auffordernden „Schaufenster“-Raum Sinn macht.

Naja, okay, die Hauptausstellung im Haus, „I had to think of you / Ich musste an dich denken“ (doppelt hält besser?) von Ana Navas im 1.OG wartet ja auf mich. Und der Ausstellungsflyer hat mir für freitags 14-18 Uhr und samstags, sonntags 10 bis 17 Uhr (unter anderem deswegen war ich an einem Sonntagnachmittag gekommen) kompetente „Ausstellungsbegleiter“ in Aussicht gestellt, die mich „durch die aktuelle Präsentation führen und Fragen beantworten“.
Da ich selbst als geübter Ausstellungsbesucher und Kenner der zeitgenössischen, jungen Kunst so meine Schwierigkeiten mit der scheinbar ungeordneten, hierarchielosen Präsentation der Exponate von Frau Navas habe, bitte ich die gerade ein Buch lesende „Ausstellungsbegleiterin“ um einige vielleicht nützliche Hintergründe zur Ausstellung und Präsentation. Nunja, so richtig viel wisse sie auch nicht darüber, es gehe aber um den Unterschied zwischen Original und Kopie und die Räume seien bestimmten Themen wie Minimal und Urban untergeordnet. Aha! Achwas! Na dann! Ob die präsentierten Tapeten, Textilien und Objekte einen Bezug zu Sindelfingen haben (Fundstücke?) oder inwieweit sie mit der Biografie der Künstlerin zusammen hängen, weiß sie nicht. Ich finde die an Jugendzimmer und Resterampen erinnernden Präsentationen nicht so richtig spannend, muss immerhin zwei, dreimal an Martin Kippenberger denken und bekomme vor den überdimensionalen Nudel-Gemälden im Obergeschoss des angeschlossenen Oktagons Hunger.

Beim Gehen entdecke ich dann überraschend einen Raumplan mit einigen Hintergründen (warum hat mir die Ausstellungsbegleiterin von deren Existenz nichts verraten?). Dort erfahre ich, dass die Räume in vier Kategorien unterteilt sind: richtig…„Minimal“, „Urban“ plus „Nature“ und „Modern“. Und zum Beispiel was es mit dem in einer Melone steckenden Mercedes-Stern auf sich hat: „Der sich drehende Mercedes-Stern ist eine Metapher auf die technisierte, moderne Welt: Er gehört ursprünglich einer anderen Werkgruppe an, die Fragen nach Original und Fälschung stellt.“ Leider kein Wort über die Melone, deren etwaigen (kritischen?) Symbolgehalt und einen eventuellen Bezug zum nicht weit entfernten Mercedes-Werk. Und gedreht hat sich der Stern auch nicht. Schönster Satz im Faltblatt: „Die PVC-Böden dienen der atmosphärischen Gestaltung des Raumes“.

Aber hey, stand im Flyer nicht auch, dass drei Tage zuvor der Ausstellungskatalog im Rahmen der Literaturtage Baden-Württemberg präsentiert wurde?  Der Titel „I had to think of you / Ich musste an dich denken“ sei wörtlich zu nehmen, steht da, „denn die eigentliche Schreibarbeit – Thema der Literaturtage – haben Freunde der Künstlerin übernommen, in dem sie Fotografien geschickt haben, die an Navas Werk erinnern und das Buch durch partizipatorische Elemente ergänzen“ (das „in dem sie“ steht dort so). Wow, könnte interessant sein, endlich partizipatorische Elemente, juhu! An der Rezeption liegt aber kein Katalog aus. Auf meine Frage hin eilt die Dame dann aber ins Galeriebüro und kommt wenig später mit einem Katalog zurück! Auch wenn ich auf den Katalogseiten, im Werksverzeichnis und im Impressum keinen Verweis auf die partizipatorischen Elemente der Freunde der Künstlerin (hat sie keine mehr?) finden kann, bin ich motiviert, den von Santiago da Silva mutig und ungewöhnlich designten Katalog käuflich zu erwerben. Und sicherlich hält auch der integrierte Text von Galerieleiterin Madeleine Frey einige Erhellungen für die adäquate Besuchs-Nachbearbeitung bereit. „Hmm, der ist noch gar nicht im Verkauf, ich habe keine Anweisung, was der kostet“ entmutigt mich die Rezeptionistin sofort. Ich muss an etwas, das ich hier nicht schreibe, denken und verlasse die Galerie Stadt Sindelfingen.

Gut, dass es die Kunsthalle Tübingen und das Museum Ritter gibt! Trotz des regen Andrangs am letzten Öffnungstag der Ausstellung von Shirin Neshat empfangen einen die auf alle Räume verteilten Aufsichten gutgelaunt mit netten Worten und dezenten Hinweisen auf die Aufteilung der Exponate und Filme. Interessante und ungezwirbelt geschriebene Wandtexte verraten Werkzusammenhänge und schlagen mögliche Interpretationen vor.
Auch im Waldenbucher Museum Ritter werde ich drei Tage später von gut gelaunten Mitarbeitern empfangen, die einem ohne jede „Ausstellungsbegleiter“-Titulierung gefragt und auch teils ungefragt interessante Hintergründe zu den Exponaten der Ausstellungen von Jacob Dahlgren und „Von Alu bis Zement. Bilder, Plastiken, Objekte“ verraten (Danke, Herr Feifel!). Dort komme ich endlich zu meiner Partizipation! Dutzende von roten und blauen Dart-Pfeilen liegen in zwei Eimern bereit, um auf die aus Dutzenden schwarz-weißen Dart-Zielscheiben bestehende Wandarbeit „I, the World, Things, Life“ geworfen zu werden! Meine Begleitung und ich lassen uns das nicht lange sagen und nutzen unser „Ich bin besser als Du“-Streben, um die humorvolle Op-Art-Arbeit visuell zu verändern. Sind die Pfeile in den Eimern aufgebraucht, werden alte von den Zielscheiben gepflückt! Yeah!

Liegt es nur am Geld? Muss und sollte Sindelfingen Eintritt verlangen und sich ausgebildete „Ausstellungsbegleiter" leisten? Oder bin ich der einzige, dem solche Dinge auffallen?

Achja: Auf der Homepage der Künstlerin, die ausschließlich ein 69-seitiges pdf-„Portfolio“-anbietet (hey, aber immerhin!), erfährt der scrollwütige Kunstinteressent tatsächlich ein paar Hintergründe zu den Exponaten, sieht aber auch, dass fast alle Sindelfinger Rauminstallationen bereits in anderen Ausstellungen, angepasst an die jeweiligen Räume, zu sehen waren.

Marko Schacher, 2. November 2017

Die Ausstellungsbesuche fanden am Sonntag 29.10.2017 und Mittwoch 1.11.2017 statt



NEU:
9_Willkommen im Monturi-Wonderland!
Erinnerungen an die Vernissage plus Geheimkonzert von Jim Avignon in Böblingen


Die erstaunten Mimiken und großen Augen mancher, vor allem älterer Vernissagen-Besucher bei den ersten Elektronik-Klängen aus Jim Avignons Synthesizer werde ich nie vergessen! Never ever! "Welcome to the land of Monturi" sang und murmelte der Tausendsassa einladend ins Mikro, während er gleichzeitig allerhand Knöpfe an einem Mischpult drehte, diverse Tasten auf seinem Mini-Keyboard drückte, in den Knien wippte und sich gleichzeitig eine selbst gebastelte Maske vor den Kopf hielt. Soll noch einer sagen, Männer seien nicht multitaskingfähig! Jim Avignon ist das definitiv!

Ob er in diesem Moment als Einmann-Band "Neoangin", als Künstler Jim Avignon oder als Reinkarnation von Willi Baumeister im bestuhlten Erdgeschoss der Böblinger Zehntscheuer agierte, ist ebenso unklar wie unwichtig. Vielleicht war er in diesem magischen Moment eine Mischung aus Bob, dem Baumeister und Willi Baumeister. Jedenfalls war er extrem unterhaltend! Und das wusste das diesbezüglich in der Vergangenheit nicht gerade verwöhnte Publikum, nach der ersten Überraschung, durchaus zu schätzen. Böblingens ehemaligen Oberbürgermeister jedenfalls sah ich selig lächeln.

Gehüllt in ein blassrotes Tischtuch aus dem Fundus der Städtischen Galerie Böblingen und mit der schwarz-roten Monster-Maske schien Jim Avignon regelrecht aus seiner  überdimensionalen Papierarbeit "another day in monturi" gesprungen (und dem dortigen Zahnarzt entkommen?) zu sein, die direkt hinter ihm gleichzeitig als Bühnenbild und Exponat mit Klebeband an der Museumswand befestigt war. Als lebendes und höchst lebendiges Gesamtkunstwerk wirbelte er in diesem Moment die Schubladen "Bildender Künstler", "Bühnenbildner", "Musiker", "Sänger", "Schauspieler" und "Entertainer" durcheinander. Wöllte ich kunsthistorisch angeben, könnte ich von einem "Tableaux vivant" sprechen. Doch das will ich nicht. Es sei aber kurz erwähnt, dass auch Willi Baumeister vor 100 Jahren zahlreiche Bühnenbilder für Oper, Schauspiel und Ballet entwarf und verwirklichte, und sich Jim Avignon und Herr Baumeister garantiert sofort verstanden hätten. Durch die Beschäftigung mit Baumeisters Biografie und künstlerischer Entwicklung (gerade seine "Monturi"- bzw. "Montaru"-Bilder entwickeln eine interessante Dramaturgie) dürfen wir gespannt sein, wie Jim Avignon diese Kenntnisse in der Zukunft vertiefen und verarbeiten wird.

Drei Stunden später stand Jim Avignon hinter denselben Tasten und Knöpfen, aber in meiner Dreizimmer-Wohnung, um dort sein „exklusives Wohnzimmerkonzert“ für 50 ausgewählte Gäste und Verlosungs-Gewinner zu spielen. Bühnenbild war diesmal die Schrankwand meiner Großeltern. Die Grenzlinie zwischen Öffentlich und Nicht-Öffentlich schwappte hin und her (eigentlich ließen die beiden als Türsteher engagieren Teens jeden rein). Die Kunst breitete sich als Raumspray in der gesamten Wohnung aus und das Allover der Reize verwirrt und faszinierte zugleich. Auch dort kam die "Monturi"-Maske noch einmal zum Einsatz und wurde als Prämie für die wildeste Tänzerin verschenkt. Willi Baumeister hätte das gefallen!

Marko Schacher, 2. September 2017

Dieser Text erscheint im Katalog "Neo:Interpretiert. Jim Avignon im Dialog mit der Kunstsammlung
Böblingen" (veröffentlicht im Sept. 2017; in der Galerie zum Sonderpreis von 10 € erhältlich)






8_Die Poesie des Protests

Die dokumenta14 war/ist besser als ihr Ruf

Adam Szymczyk hat für seine documenta 14 viel Häme und Kritik von der Fachwelt einstecken müssen. Bemängelt wurde vor allem die Inanspruchnahme der Kunst als Lehrstoff, als Illustration von Ideologien. In der Tat suchte man innovative, unterhaltsame Kunst in Kassel vergeblich. Anregende Kunstwerke gab es aber genug! Und gute auch! Beim Fokus auf die Lichtblicke und die Würdigung der jeweiligen Präsentation hat manchem d14-Besucher aus Stuttgart eventuell die Abhärtung durch das politisch geprägte Programm von Christ/Dressler im Württembergischen Kunstverein geholfen. Ob Gustave Courbet seine 1868 entstandene Grafit-Zeichnung "Almosen eines Bettlers in Ornans" tatsächlich als „Meditation über die Macht des Teilens“ verstanden haben wollte, wie der Wandtext behauptet, mag bezweifelt werden. Aber die Integration in die Kasseler Neue Galerie machte Sinn – wie auch die des sehr emotionalen Gemäldes "Mann in Ruinen" aus dem Jahr 1937 von Karl Hofer.

Das Video "The Shadow" von Regina José Galindo, in dem die in Guatemala geborene Künstlerin von einem deutschen Leopard-Panzer verfolgt wird, mag etwas platt daher kommen, lässt einen aber trotzdem über die Macht des Waffenmarkts nachdenken. Auch über die Gesamtqualität der im Fridericianum gezeigten Sammlung des Athener Nationalen Museums für Zeitgenössische Kunst, lässt sich streiten. Wer aber die 10 Minuten für Bill Violas bereits 2004 gedrehtes Video "The Raft" aufbrachte, wurde mit einer unter die Haut gehenden, zeitlosen Illustration des gegenseitigen Mit- und Gegeneinanders konfrontiert.

Mehr oder weniger geordnet in die Themengebiete Musik, Körper, Religion, Kolonisierung, Ungleichgewicht der Erde usw. waren es vor allem die Präsentationen im Untergrund des Kulturbahnhofs und im leergeräumten Hauptpostgebäude die durch ihr Umfeld faszinierten. Selbst Marta Minujins zu Tode fotografierter "Parthenon of Books" entwickelte vor allem in den Abendstunden eine stille Poesie des Protests.

Ein Trend der d14 – wie auch der diesjährigen Biennale in Venedig (s.u.) – scheint die Ausweitung der Performance-Kunst zu sein. Besonders beeindruckend habe ich den Beitrag des spanischen Künstlers Matti empfunden, der mit einigen Helfern und dem Publikum jeden Abend um 18 Uhr zum Dauerkonzert "Social Dissonance" bat. Die vermeintliche Aufführung entpuppte sich u.a. als Mitmachaktion zum Thema Zuneigung, in der die Anwesenden ihre persönlichen Grenzen der körperlichen Kontaktaufnahme ausloten mussten. Andere Aspekte zum Thema brachten Ernst Lorenz/Lorenza Böttner, Annie Sprinkle und – dank Michel Auder – auch Cicciolina und Jeff Koons ein.

Humor war mit den TV-Zeichnungen von Ashley Hans Scheirl dann doch vertreten, und gute Malerei dank Miriam Cahn und Edi Hila auch. Toll auch die Land Art von Luis Weinberger. Mich motivierte der d14-Besuch, die Suche nach dem Einklang mit mir selbst und der meiner Umgebung engagiert fortzusetzen. Kein schlechtes Resultat also! Am Ende war es der Spruch auf einer unscheinbaren, 30 Jahre alten Mail-Art-Collage von Ruth Wolf-Rehfeldt, der mich am meisten anregte: "Life is my favourite Art".

Marko Schacher, 30. August 2017

Eine Version dieses Texts erscheint in der Ausgabe 46 des Stuttgarter Kulturmagazins "SuR"




7_Performances zwischen Punk und Poesie
Die Kunstbiennale in Venedig verwischt die Grenzen


Sigmar Gabriel, Harald Falckenberg, Markus Lüpertz, Thomas Demand, Udo Kittelmann, Christian Jankowski, Nicolaus Schafhausen, Axel John Wieder, Elke aus dem Moore, Andreas Baur, Martin Roth, Ulrike Groos, Christiane Lange, Eva-Marina Froitzheim, Eva und Adele, Jesus: schon beeindruckend, wen man während der Preview Days auf der 57. Kunstbiennale Venedig so alles trifft. Weitaus beeindruckender war jedoch der Besuch im deutschen Pavillon. Die langen Warteschlangen, die schweißtreibenden Temperaturen, die hohen Hotelpreise und die patzigen Prahlereien der Kollegen werden von den ergreifenden Eindrücken während der im Original fast vierstündigen Performance „Faust“ schlichtweg aus dem Kopf geblasen.

Obwohl auch andere Länderauftritte in den Giardini längere Rezensionen verdient hätten (Dänemarks „Theatre of Glowing Darkness“ von Kirstine Roepstorff, Israels Schimmelparade von Gal Weinstein, Ungarns „Peace on Earth“-Mahnung von Gyula Várnai), sind es vor allem die von Anne Imhof und ihrer Crew geschaffenen Bilder und Assoziationen, die in den Gehirnwindungen der Besucher für immer überdauern werden. Und auf deren Speicherkarten und Festplatten! Auch ich bin dem zwanghaften Versuch, die Erlebnisse festzuhalten, erlegen und habe mit dem Smartphone während der 220-minüten Performance über 500 Fotos geschossen. Richtig gut aber habe ich mich gefühlt, als ich die vermeintliche Message des Auftritts für mich interpretiert und befolgt habe, mein Handy ausgeschaltet und mich auf den Boden gesetzt habe. Um die anderen zu beobachten. Die Besucher. Nicht die Performer. 

„In meiner Arbeit geht es um die Freiheit, die Freiheit der Gedanken“ – mit diesem einzigen Satz hat Anne Imhof, nachdem sie sich bei fast 50 Mitwirkenden bedankt hat, während der offiziellen Eröffnung des deutschen Pavillons ihren Beitrag kommentiert. Und in der Tat ist „Freiheit“ einer der Blickwinkel, unter der man das Gesehene und Erlebte fokussieren kann. Die Besucher sind „frei“, können im deutschen Pavillon umhergehen, wie sie möchten, während die von Anne Imhof mittels Choreographie und SMS-Nachrichten umher kommandierten Akteure scheinbar weitaus weniger Freiheiten haben. Aber ist dem wirklich so? Haben nicht in Wahrheit die Performer uns im Griff? Kaum ertönt ein Gitarrenriff aus dem Nebenraum, strömen alle Besucher dort hin. Sobald jemand ein Mikro ergreift (grandios: Franziska Aigner), verstummen alle. Kaum laufen zwei, drei Menschen in hohem Tempo parallel oder hintereinander in dieselbe Richtung, macht man ihnen und ihrem „Laufsteg“ Platz. Das Faszinierende ist die entschiedene Unentschiedenheit der Gesten! Die Grenzen zwischen Tanzen und Torkeln, Streben und Sterben, Kuscheln und Kämpfen, Catwalk und Exerzierplatz, Punk und Poesie verschwimmen. Auch die titelgebende Faust wird als ambivalente Droh-, Macht- und Sieger-Geste eingesetzt. In Sekunden wird die Bedrohung durch ein auf die Besucher gerichteten Wasserschlauch aufgelöst, indem der Performer den Schlauch als Dusche benutzt. Jeder Besucher wird andere Assoziationen haben, keine Aufführung gleicht der anderen. Man kann die Darbietung als Film, Theater, Skulpturenansammlung oder Landschaftsgemälde rezipieren. Oder als interaktive Performance, als „Situation“ à la Tino Seghal, aber mit Fotografiererlaubnis.

Überhaupt scheinen die Grenzbereiche der Performance diesmal die Biennale di Venezia zu bestimmen. Im französischen Pavillon locken ein Tonstudio, eine futuristische Papp-Architektur und abstruse Instrumente hoffentlich Musiker an. Im japanischen Pavillon dürfen die Besucher ihren Kopf durch den Boden stecken und vor den Augen und Kameras der anderen in eine Miniaturwelt eintauchen. Nevin Aladag ließ während der Preview-Woche sieben Tänzerinnen sieben Songs als Highheels-Abdrücke auf Kupferplatten steppen (anzuschauen im auf dem Arsenale-Gelände versteckten „Performance Pavillon“). 
Dass Erwin Wurm seine „One Minute Sculptures“ im österreichischen Pavillon in den ersten Tagen von ernst drein schauenden Performern aufführen lässt, war eine gute Idee. Seitdem werden seine Objekte wieder für Lachnummer-Selfies benutzt. Oder eben auch nicht. Ihm selbst dürfte das egal sein. So entspannt wie Erwin Wurm habe ich noch keinen Künstler während einer Pavillon-Eröffnung gesehen. „Ich hasse Pathos, deshalb mache ich auch solche Arbeiten“, erklärt er mir seine Gelassenheit hinterher.

Sowohl Candice Breitz im Südafrika-Pavillon als auch Teresa Hubbard und Alexander Birchler im Schweizer Pavillon hinterfragen mit ihren Film-Installationen die Grenzlinien zwischen Fakten und Fiktion.

Da man das von Christine Macel kuratierte „Viva Arte Viva“-Sammelsurium getrost vergessen kann, bleibt mehr Zeit für die „Collateral Events“: Wer auf Reizüberflutungen steht, sollte die „Intuition“-Ausstellung im Palazzo Fortuny und die Damien Hirst-Schau im Palazzo Grassi und der Punta della Dogana nicht verpassen. Auch die „Future Generation Art Prize“-Schau im Palazzo Polignac hält mit EJ Hill (unbedingt in den Garten gehen) und Christian Falsnaes zwei spannende Performance-Positionen bereit. Jedes Schlange-Stehen wert ist die von Udo Kittelmann kuratierte Schau „The Boat is leaking. The Captain lied“ in der Fondazione Prada, die Bühnenbilder von Anna Viebrock mit Fotos von Thomas Demand, Filmen von Alexander Kluge und der Palazzo-Patina zu einem begehbarem Gesamtkunstwerk vereint, innerhalb dem selbst Helge Schneider Sinn macht. „In der Ausstellung weiß man nicht, ob man Akteur oder Zuschauer ist“, diktiert Thomas Demand einem Journalisten in den Schreibblock, und ergänzt: „Das ist doch genau unsere Lage momentan.“

Am Schluss ist es aber eine im Nebenraum des koreanischen Pavillons präsentierte, aus allerhand unterschiedlichen Gläsern bestehende Installation von Cody Choi, die mich zu Tränen rührt. Während die zu einer Skyline vereinten Trinkgefäße von Lichtern und Trockeneisnebel umtanzt werden, singt Richard Sanderson „Dreams are my Reality“.

Info: Wer das Glück hat, zwischen dem 22. und 25. Juni, dem 3. und 6. Oktober oder dem 23. und 26. November 2017 nach Venedig kommen zu können, kann jeweils ab 10.15 Uhr die gesamte fast vierstündige „Faust“-Aufführung im deutschen Pavillon sehen. Bis dahin werden täglich eineinhalbstündige „performative Sequenzen“ zur Mittagszeit versprochen.

Marko Schacher, 26. Mai 2017

Die Preview Days der Biennale fanden vom 17. bis 19. Mai statt; Biennale-Ende: 26. November 2017

Eine gekürzte Version erscheint in der Ausgabe 45 der Zeitschrift "SuR.KulturPolitik für Stuttgart und Region"



6_
kommt!

5_
kommt!

4_
kommt!

3_
kommt!




2_Hilfe, Artcore!
The Heavy Entertainment Show der Online-Kunst


Als Galerist und Kunst-Fan freut man sich, wenn die Bildende Kunst Einlass in eine große Tageszeitung
findet. Auch gegen den Abbau von Hemmschwellen gegenüber der ach so hehren Kunst ist prinzipiell
nichts einzuwenden. Was mir da aber in der zwölfseitigen Broschüre „Kunst & Schmuck“ als Beilage in
der Wochenendausgabe Samstag/Sonntag 5./6. November 2016 ins Haus geflattert ist, taugt als ideale
Bebilderung des Worts „Fremdschämen“ in jedem Kunstlexikon.
Die unter der Überschrift „Besondere Ideen, erlesene Geschenke“ präsentierten Objekte haben leider
weder mit „Kunst“ noch mit „Schmuck“ besonders viel zu tun – und mit „besonders“ und „erlesen“ erst
recht nicht. Wie es Claude Monet wohl gefunden hätte, wenn ihm in Paris eine Dame mit gezücktem
Stockschirm begegnet wäre, auf dem ein Ausschnitt aus seinem „Mohnfeld bei Argenteuil“ abgebildet ist
(Preis: 59 €)?
Eine 16 Zentimeter hohe „mit Loriots Signatur versehene“ (nicht etwa eigenhändig signierte!) Kunstguss-
Skulptur „Herren auf der Rennbahn“, Auflage 1.499 Exemplare (!!), kostet 820 € (!!!). Die 84 x 90 cm
große Reproduktion eines „Stadtklangs" von“ Robert Hettich (????), Auflage 199 Exemplare, 890 €.
Mit Formulierungen wie „6-Farb-Pigmentauftrag auf Alu-Dibond“ und „Fine Art Giclée-Verfahren direkt auf
Künstlerleinwand aus 100% Baumwolle“ wird Unwissenden eine irreale Hochwertigkeit suggeriert.

Ob es wirklich der adäquate Weg ist, das Gedächtnis an große Künstler frisch halten, indem man
briefbeschwerergroße Bronze-Abgüssse ihrer kitschigsten Skulpturen in einer Auflage von 980
Exemplaren für 1.300 bis 1.500 € anbietet? Die Ernst Barlach Gesellschaft und die Emil Nolde Stiftung
Seebüll haben diese Frage offenbar mit einem „Ja“ beantwortet. Seltsam, dass man Noldes „weltweit
exklusiv bei ars mundi“ angebotene Skulptur „Java-Tänzerin“ im Internet bei zahlreichen anderen
Anbietern, teils billiger, teils teurer findet.
Leider hat es mein persönlicher Liebling, die Gartenfigur "Die verliebten Birkenpilze" (unbegrenzte
Auflage, Höhe: 31 cm, 128 Euro), die auf der Doppelseite in der Wochenendausgabe 18. Juni/19. Juni
2016 direkt unter der Überschrift "Die Stuttgarter Nachrichten präsentieren: Die Welt der Kunst"
angepriesen wurde, nicht in die Broschüre geschafft. Der Satz „wertvolle Einzelexemplare großer
Künstler" ist auch raus geflogen. Immerhin!

Schade, dass die beiden großen Stuttgarter Zeitungen bzw. deren Herausgeber eine solche Kooperation
eingegangen sind und dafür ihre Adresse www.stuttgarter-nachrichten.de/kunst hergegeben. Zahlreiche
Stuttgarter Galeristen (die aus anderen Städten natürlich auch), in deren jahrelanger Kunstvermittlungs-
arbeit viel Ideologie und Selbstausbeutung steckt, würden sich über eine ähnliche Kooperation freuen
– und haben echte, in kleinen Editionen gedruckte und gegossene Kunstwerke zu realistischen Preisen
im Programm.

Auf den beiden „Kultur“-Seiten in derselben Wochenendausgabe findet die Bildende Kunst leider (mal
wieder) keine Beachtung. Stattdessen wird auf einer 2/3-Seite das neue Album „The Heavy Entertainment
Show“ von Robbie Williams besprochen. 2/3 der Rückseite werden dem „Lolita“-Saisonauftakt im Staats-
schauspiel Stuttgart gewidmet.

Wenig später muss ich durch einen (ausschließlich auf englisch geschriebenem) nicht bestellten
Newsletter feststellen, dass eine ehemalige Stuttgarterin jetzt für „Art Consultancy & Cooperation“ bei
einer Kunstedition zuständig ist, bei der fußlahme Kunstfans u.a. einen in einer 100er-Auflage
erschienenen, unspannenden Inkjet Print von Wolfgang Tilmans, Format 48,3 x 32,9 cm, für 1.400 €
erstehen können. Ohne Rahmen versteht sich. Das Stockholmer Moderna Musset bietet diesen
2012 angeblich für ihre Mitgliedsfreunde exklusiv gefertigten Ladenhüter nach wie vor für 550 € an.

Auch auf die Gefahr hin, mit „altmodisch“, „oldschool“ und/oder „weltfremd“ etikettiert zu werden:
Ich glaube an die Aura des Kunst-Originals, an die Wertigkeit eines Face-To-Face-Kundengesprächs
– und an den gesunden Menschenverstand.

Marko Schacher, 8. November 2016

Die Broschüre lag am 5.11.16 u.a. den „Stuttgarter Nachrichten“ und der
Stuttgarter Zeitung“ bei.




1_Der Kritiker als Limbo Dancer
Beruf Kunstkritiker, Berufung Konzerttänzer

Die Fragen im Flyer des Kunstbüros der Kunststiftung Baden-Württemberg waren durchaus interessant:
„Welche Rolle spielt die Kunstkritik und wie lässt sie sich betreiben? Trägt die Kunstkritik zur Steigerung
des Marktwertes bei? Für wen wird sie geschrieben?“ Auch die in der Einladung vermerkte Feststellung,
dass unabhängige Außenperspektiven aufgrund der „allseitigen Vernetzungen im virtuellen und realen
Leben“ und wegen der „vielschichtigen Verflechtungen innerhalb des gesamtes Feldes“ nur „schwer
einzunehmen sind“, kann ich aus meiner eigenen Perspektive nur unterstreichen.

Leider hielt die dazugehörige, vom scheidenden Kunstmuseums-Kurator Sven Beckstette an seinem
Noch-Arbeitsort unter der Überschrift „Beruf Kunstkritiker/in. Herausforderungen, Einflussnahme und
Möglichkeiten“ moderierte Veranstaltung nicht, was sie versprach. Antworten auf die obigen Fragen gab
es nicht. Kein Wunder, weil die Fragen gar nicht gestellt wurden. Schön, dass sich Dr. Jörg Heiser (Frieze),
Catrin Lorch (Süddeutsche Zeitung), Hanna Magauer (Texte zur Kunst) und Kolija Reichert (F.A.Z.) darin
einig waren, dass eine gewisse Boulevardisierung der Kunstkritik stattgefunden hat. Leider wurden weder
deren Gründe noch deren Folgen wirklich und ehrlich erörtert. Lokalmatador Nicolai B. Forstbauer
(Stuttgarter Nachrichten) verwies auf die neuen Möglichkeiten des Internets und hatte sichtlich und hörbar
Schwierigkeiten, sich in die familiäre Runde einzubringen. Kein Wunder, dass am Ende nur eine einzige
junge Besucherin den Finger hob, als Kolija Reichert wissen wollte, wer jetzt immer noch tatsächlich
Kunstkritiker werden möchte.

Schade, dass man keinen vermeintlich unabhängigen Blogger eingeladen hatte, und schade, dass man
die im Einladungsflyer skizzierten Abhängigkeiten nicht offen erörterte. Solch ein Text, wie er an dieser
Stelle steht, würde unbearbeitet nie seinen Weg in eine Tageszeitung finden. Selbst ich erwische mich
beim Ansetzen der virtuellen Selbstzensur-Schere beim Tippen dieser Sätze. Auch ich befinde mich als
Galerist und Kurator und, ja, Journalist/Autor in Abhängigkeiten, will „meine“ Künstler in Institutionen und
Sammlungen unterbringen und meine Ausstellungen in der Presse berücksichtigt finden – und Aufträge.
Auch ich kann und will es mir buchstäblich nicht leisten, es mir mit bestimmten Kulturschaffenden zu
verscherzen. Und trotzdem muss es doch erlaubt sein, offen seine Meinung zu äußern. Oder?

Leider erst nach der Veranstaltung fiel mir das Büchlein „Schreiben über Kunst“, herausgegeben von
der Schweizer Sektion des internationalen Kunstkritikerverbunds AICA in die Hände. Unter der
Überschrift „Limbo Dance“ beschreibt der Kurator und Kritiker Daniel Morgenthaler einen der Gründe
für die Zahnlosigkeit der meisten heute erscheinenden Ausstellungsbesprechungen. Er fragt: Wo steht
der Kunstkritiker heute? Und antwortet: „Irgendwo zwischendrin, in einer Art Limbo. Zwischen Künstlern
und Kunstrezepienten, zwischen Kunstwerk und Publikum. Aber auch: Zwischen man und ich. Zwischen
Kuratieren und Kritisieren. Zwischen Journalismus und Literatur“. Im Folgenden erläutert er das jeweilige
„Dazwischen“ für jeden der genannten Punkte – und erläutert beim Stichwort „Zwischen Kuratieren und
Kritisieren“: „So lange es diese Personalunionen von Kritikern und Kuratoren gibt, ist es unumgänglich,
dass man sich für sich selbst einen griffigen Kodex aufstellt, der einen die Gleichgültigkeit der
verschiedenen Rollen ertragen lässt.“
Ein frommer Wunsch! Fast jeder Journalist, den ich kenne, steckt nebenher in Kunstauswahl-Jurys, ist in
Stiftungen von Künstlern oder deren Nachlässen aktiv oder als Kurator und/oder Kunstberater für Sammler
und/oder Banken/Firmen tätig. Umsomehr mag ich die „Stuttgarter Nachrichten“-Kolumne von Joe Bauer
und die ehrlichen Kritiken von Georg Leisten, den ich noch nie in einer Jury, einer Stiftung oder als
Ausstellungskurator gesehen habe. Auch wenn seine vermeintlichen Verrisse oft Folge einer Uninformiert-
heit sind. Eine gute Ausstellung muss ihre Qualitäten und Aura auch ohne die zuvorige oder gleichzeitige
Lektüre von erläuterndem Textmaterial entfalten. Meine Meinung. Georg Leistens Meinung.
    
Ist es naiv zu denken, dass sich Mut nach wie vor lohnt? Sollten nicht die heute Jungen viel mutiger sein
als…ich schreibe jetzt mal einfach…wir Alten (ich bin Jahrgang 1970). Ein kürzliches Erlebnis hat mich
diesbezüglich skeptisch gemacht: Beim Stuttgarter Auftritt des Berliner Techno-Projekts „Brandt Brauer
Frick“ während des New Fall-Festivals im vollständig bestuhlten Weißen Saal des Neuen Schlosses sind
alle Besucher – das Durchschnittsalter schätze ich auf Mitte 20 – brav sitzen geblieben. Obwohl es die
meisten angehörs der tanzflurtauglichen Elektro-Klängen sichtlich kaum in den Sitzen hielt. Und wer
machte den Anfang? Wer stand als erster (1. Reihe, ganz rechts) auf, um mit unbeholfenen Tanzmoves
den Saal zu…ähem…rocken? Ja, jetzt riecht es ein bisschen, Eigenlob stinkt: Ich!
Exkurs: Im Karlsruher ZKM tippte mir jüngst beim Auftritt von Kraftwerk ein Anfangzwanzigjähriger
auf die Schulter und unterbrach meine Tanzbewegungen mit dem kühlen Verweis „Tschuldigung, Sie
sind nicht alleine hier“. Kunstpause.
Sehr schön: Sechs bis acht Brandt Brauer Frick-Mittänzer waren sogleich zur Stelle. Eine höfliche, sehr
junge, aber auch sehr kleine Dame auch. „Bitte setzen Sie sich wieder auf Ihren Platz. Aufstehen
und Tanzen ist verboten“, raunte sie mir ins Ohr. Ich antwortete „Warum?“, bekam keine Antwort und
setzte meine Tanzgymnastik fort. Die meisten Mittänzer nicht. Belohnt wurde mein Ungehorsam mit
einem breiten Grinsen, einem Gimme Five-Handschlag und einem „Thank you for start to dance“ des
Backgroundsängers, der sich mit seiner Kollegin zwischenzeitlich zu mir gesellte. Und mit dem Lob
„Danke fürs Regeln Brechen“ einer jungen, charmanten Besucherin. Vielleicht sollten und müssten
„Regeln“ viel häufiger gebrochen werden?!

Kolija Reichert ist Jahrgang 1982, Hanna Magauer dürfte noch jünger sein. Hoffen wir das beste!

Marko Schacher, 4. November 2016

Die genannten Veranstaltungen fanden in Stuttgart am 28.10.16 im Kunstmuseum und am 29.10.16
im Neuen Schloss statt 






Rückblick:


Soziale Plastik relaoded
Christos Floating Piers-Therapie


Darf bzw. kann es in Zeiten, in denen wir fast täglich mit neuen Horrormeldungen und Attentatsbildern
überschüttet werden, überhaupt unpolitische Kunst geben? Sollten sich Künstler den Geschehnissen
stellen und sie thematisieren? Auf den ersten Blick ist Christo mit seiner Mainstream-Kunst sicher kein
politischer Künstler. Wer allerdings im Juni/Juli seine „Floating Piers“ besucht hat, könnte das anders
sehen. Klar war die Anfahrt anstrengend, natürlich können einem eventsüchtige Menschenmassen den
Spaß am individuellen Kunsterlebnis vermiesen. Aber in dem Moment, in dem man es geschafft hat,
die etwa 8.000 gleichzeitig auf den sanft schwankenden Wasserstegen laufenden und sitzenden
Besucher als Bestandteil einer gemeinsamen „sozialen Plastik“ zu sehen, war alles gut!

Vielleicht ist Christo der zeitgemäßere Beuys. Eventuell ist das vermeintlich Unpolitische seiner Kunst
gerade das Politische. Vielleicht ist die Demokratie seiner Projekte (kein Eintrittsgeld, keine V.I.P.-Areas,
keine Führungen) der reizvollste Aspekt in seinen gemeinsam mit Jeanne-Claude entwickelten Werken.
Ohne ihre eigenen Identitäten völlig aufzugeben, verschmolzen stolze Italiener, aufgeregte Asiaten,
traumatisierte Türken und internationale Touristen vor Ort mindestens für die Dauer ihres Besuchs zu
einem friedvollen Ganzen. Wohin man auf den gelb-orangen „Floating Piers“ sah: lächelnde Gesichter
– bei den picknickenden Großfamilien, Räder schlagenden Kindern, ihre nackten, muskulösen Oberköper
präsentierenden Bodybuildern, liegend vor dem blauen Iseo-See posenden Girls und bei den mutigen
Rollstuhlfahrern. Wer nicht gleich aufgab, konnte auch in der zweiten Woche von den Aufsichten noch
eines der kleinen Stoff-Quadrate ergattern. Dass zu dieser Zeit die Piers von 0 bis 6 Uhr (offiziell für
Aufräum- und Reparaturaufgaben) gesperrt waren, war schade, gewährte den Involvierten aber so
ebenfalls eine Aus-Zeit vom Stress.

Erstaunlicherweise wagte kaum ein Christo-Fan eine Erwanderung der Monte Isola. Wer ganz oben auf
dem Berg, einsam auf der Terrasse der Kirche Santuario Madonna della Ceriola, die soziale Skulptur als
ästhetisches Landschaftgemälde bzw. sinnliche Land Art aus der Ferne wahrnahm und eine kleine
Freudenträne aus dem Auge drückte, dem war und ist es egal, ob die Waffenherstellerdynastie Beretta
zur Verwirklichung nicht nur ihr Ferien-Inselchen San Paulo und ihre Verbindungen zum Iseosee
Präsidenten Giuseppe Faccanoni mit eingepracht hat. Dass Christo die Idee zum Wiederaufgreifen
seiner „Flaoting Piers“-Pläne im April 2014 auf der Heimfahrt von seiner Auszeichnung mit dem
Theodor-Heuss-Preis in Stuttgart hatte, ist vielleicht auch egal, aber eine schöne Anekdote.

„Holidays are cheaper than therapy“ verkündete das T-Shirt einer asiatischen Pier-Wandlerin. Für mich
waren die acht Stunden Christo mein Sommerurlaub.

Marko Schacher, Juli 2016

Dieser Text ist in der Ausgabe 42 der Zeitschrift "SuR.KulturPolitik für Stuttgart und Region" erschienen